Am Freitagabend füllten sich in der Abenddämmerung die Korridore der Eichendorff Realschule Reutlingen ein letztes Mal vor den Osterferien mit Leben.


Die Klasse 9e hatte zu einer Kunstvernissage gerufen und rund 60 Besucher folgten der Einladung. Die Besucher - Eltern, Kunstinteressierte, Lehrerkollegen und die Schulleitung - wurden nicht enttäuscht. In etwa 80 Malereien und Grafiken präsentierten die Schüler Werke, die sich rund um das Thema „Augenblick mal – Verharren im Selbstporträt“ drehten. Begleitet wurde der Abend von einer Eröffnungsrede durch die Schüler, Ukulele-Klängen, Sekt und Gebäck. „Die gesamte Klasse hat zusammengearbeitet. Heute gab es keinen der sich nicht gemocht hat, oder Außenseiter gewesen ist“, erzählt eine Schülerin begeistert.

Eine Besonderheit der Ausstellung stellten die gestalteten Tische der Schülerinnen und Schüler dar. Innerhalb von mehreren Wochen durfte und sollte die Klasse ihre Schultische als Leinwand benutzen. Das Thema? Unzensiert! „Wir fanden es spannend, einfach mal das zu zeichnen, was uns wirklich bewegt hat“, antwortete ein Schüler auf die Frage, wie es ihr mit diesem grenzenlosen Projekt ergangen ist. Im Laufe der Wochen veränderten sich die Tische immer wieder – teilweise wurden ganze Bilder wieder ausgelöscht, wenn andere Klassen im Klassenzimmer der 9e Unterricht hatten. Aber es gab auch spannende zeichnerische Begegnungen.


„Wenn jemand mir Unbekanntes auf eine Zeichnung von mir reagiert, findet zeichnerische Kommunikation statt. Die Schüler lernen Kunst im öffentlichen Raum kennen – können erleben, wie andere Menschen auf ihre Zeichnungen reagieren, was andere Menschen denken. So kann Kunst auch einen Beitrag zu Toleranz und Kommunikation leisten“, erklärt Frau Zindel, die betreuende Lehrerin des Projekts.
Kommunikation mit Kunst war auch Leitidee zu den ausgestellten Malereien. Den Schülerinnen und Schülern wurde die Aufgabe gestellt, sich in der Auseinandersetzung mit der gesamten Kunstgeschichte ein Bild auszusuchen, was sie in ihrem Innersten anspricht. Die Auswahl war groß – Picasso, Rembrandt, Caravaggio und da Vinci – aber auch Fotografien, wie das bekannte Porträt von Che Guevara fanden Anklang. Ausgehend von diesen Bildern, suchten die Schüler eine eigene Lösung, einen individuellen Weg, sich in einem Selbstporträt darzustellen.
„Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Aussehen und der eigenen Persönlichkeit faszinierte Künstler seit der Renaissance. Die Wege der Darstellung sind bis heute vielfach erprobt worden. Warum sollten die Schüler nicht aus diesen Darstellungsformen schöpfen können? In der Verfremdung und Neuschöpfung gelingt ihnen ein spannender Spagat zwischen historischer Kunstgeschichte und zeitgenössischem Verständnis“, berichtet die Kunstlehrerin.
Die Originalwerke können noch bis zum 05. Mai 2014 in der Eichendorff Realschule Reutlingen besichtigt werden. Anschließend werden große Kopien aufgehängt. „Wir müssen die Tische wieder putzen – auch das gehört dazu“, schmunzeln die Schüler – aber die Erinnerung an den Eröffnungsabend kann ihnen keiner mehr nehmen.

 
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok